Hepi & Linné – Das Sorgenwürmchen und die Glitzerspur

Im Schneckental gibt es einen Ort, den fast niemand sieht.

Er liegt zwischen zwei weichen Moospolstern, dort, wo das Licht grün wird und die Luft nach „alles wird wieder“ riecht.

Genau dort wohnt Hepi.

Hepi ist ein kleines Sorgenwürmchen. Er ist so… naja, fast ein bisschen handlich.

Sorgenwürmchen haben nämlich eine besondere Aufgabe: Sie sammeln Sorgen ein, damit sie nicht überall rumliegen und Leute darüber stolpern.

Und heute – na ja. Heute hat Hepi eindeutig Überstunden. Hepi sitzt auf einem Kiesel, der aussieht wie ein halbes Herz, und seufzt so tief, dass ein Grashalm kurz überlegt, ob er sich mit hinsetzen und Händchenhalten soll.

Da kommt Linné vorbeigeschlendert.

Nicht gelaufen – geschlendert. Linné macht das so. Als wäre jede Sekunde eine weiche Decke.

„Hepi?“, fragt Linné. „Warum guckst du, als hättest du gerade eine Wolke gegessen?“

Hepi zuckt mit dem Kopf. „Ich sammle Sorgen. Und heute sind es einfach zu viele. Manche sind so schwer, dass sie mir den Bauch voll machen. Und dann…“

Hepi macht eine winzige Pause, als müsste er erst kurz nach einem Wort graben. Und dabei seufzt er so tief und merkt es nicht einmal.

„…dann weiß ich nicht mehr, wohin mit mir.“

Linné nickt. Sehr ernst. So ernst, wie nur eine Schnecke ernst sein kann, ohne dabei den Zauber zu verlieren.

„Zeig mal.“

Hepi öffnet vorsichtig seine kleine Sorgen-Tasche.

Und wirklich: Da drin liegen lauter winzige, graue Knötchen.

Eins sieht aus wie „Ich muss noch“.

Eins wie „Ich bin nicht genug“.

Eins wie „Was, wenn…“.

Linné schaut hinein und sagt dann etwas, das nur Linné sagen würde:

„Die sind gar nicht zu groß. Du bist nur zu alleine damit.“

Hepi blinzelt. „Ich… bin ein Sorgenwürmchen. Ich muss das doch können. Und ich – naja, ich bin auch meistens allein, außer wenn du da bist.“

„Dann ist ja gut, dass ich jetzt da bin. Du musst nämlich gar nicht allein sein“, sagt Linné. „Komm. Wir machen das jetzt schneckentalmäßig. Und außerdem ist man zusammen weniger allein.“

Und schneckentalmäßig bedeutet:

Langsam.
Mit Tee.
Mit etwas, das glitzert.

 

Linné schiebt Hepi eine kleine Tasse hin (wie die da war? Niemand weiß es. Schneckental eben).

Der Tee riecht nach Kamille und „du darfst“.
Dann holt Linné etwas aus ihrem Häuschen: ein winziges Glas mit goldenen Pünktchen drin. „Glitzerspur“, flüstert Linné. „Nicht für Deko. Für Wege.“

„Wege wohin?“, fragt Hepi.

Linné nimmt das erste Sorgenknötchen, hält es vorsichtig hoch und sagt:

„Wir geben jeder Sorge einen Platz. Nicht in deinem Bauch. Oh nein! Auch nicht in deinem Kopf. Viel zu schwer für da. Einen Platz im Außen.“

Sie öffnen das Glas, streuen eine feine goldene Linie ins Moos und legen das Sorgenknötchen daneben.

Und plötzlich passiert etwas Seltsames:

Die Sorge bleibt zwar da. Da im Gras neben der Glitzerspur. Aber sie klebt nicht mehr an Hepi.

Hepi guckt, als hätte ihm jemand den Kragen aufgemacht.

„Nochmal“, sagt er leise.
Also machen sie weiter. Sorge für Sorge. Knötchen für Knötchen.

Manche Sorgen werden kleiner, sobald sie im Moos liegen.

Andere bleiben groß – aber wenigstens liegen sie jetzt still, statt innen herumzuschreien. Als ob sie irgendwie – zufriedener wären.

Als die Sonne ein bisschen tiefer hängt, ist die Glitzerspur lang geworden. Sie führt durch Farn, über einen Stein, vorbei an einer Pusteblume – bis zu einem kleinen Schild.

Darauf steht:

„Hier darfst du kurz ablegen.“

Hepi setzt sich. Linné setzt sich daneben.

„Weißt du“, sagt Hepi, „ich dachte immer, Sorgen sind wie Kaugummi. Man tritt rein und kriegt sie nie wieder ab.“

Linné lächelt. „Manchmal sind Sorgen eher wie Sand. Wenn du sie festhältst, reiben sie. Wenn du sie vorsichtig hinlegst, sind sie einfach… Sand.“

Hepi atmet aus. Richtig hörbar.

Dann fragt er: „Und was, wenn morgen wieder so komisch klebrige graue Sorgen kommen?“

Linné guckt ihn an, als wäre das die einfachste Sache der Welt:

„Dann machen wir morgen wieder eine Spur. Und wenn wir müde sind, machen wir nur drei Punkte. Das reicht auch.“

Hepi nickt.

Und zum allerersten Mal seit sehr langem fühlt er sich nicht wie ein Würmchen, das alles tragen muss – sondern wie ein Würmchen, das getragen wird.

Und irgendwo zwischen Moos und Goldglitzer, zwischen Tee und Stille, passiert das, was im Schneckental oft passiert:

Es wird nicht alles perfekt.

Aber es wird leichter.

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